Vom Ruderboot zum Haikutter

Die ersten größeren geschlossenen Decksfahrzeuge für die dänische Seefischerei wurden um 1870 gebaut und waren sogenannte Rundgattkutter. Ihr Merkmal war, dass sie das Ruder am Achtersteven angehängt hatten wie eine Tür in ihren Angeln. Sie sahen den schwedischen Bankschuten, mit denen schon jahrelang Fischerei auf offener See betrieben wurde, sehr ähnlich.

Collin Archer by Jeppe Jul
Collin Archer by Jeppe Jul
An der schwedischen Westküste, an der Mündung des Oslo-Fjords und im Skagerrak hatte sich in der Zwischenzeit ein neuer Bootstyp entwickelt, dessen typische Merkmale sich so zusammenfassen lassen: Er hat – im Gegensatz zu den vorherigen Rundgattern – eine größere Breite über Deck, scharf gezogene Unterwasserlinien und ist oft zwischen Kiel und Kimm mit einem einwärtsgebogenen Mittelspant ausgestattet. Auf verschiedenen Inseln nannte man ihn »Hvaler« oder »Koster«, allgemein ist er unter »Collin Archer« sehr bekannt.

Die Bauweise des Collin Archers färbte auch auf Dänemark ab. Auf Bornholm griff man die gute Linienführung des Collin Archers auf und baute dort den fast identischen Benzon-Kutter, dessen Baupläne sich am Anfang kaum von denen des Collin Archers unterschieden, später aber immer mehr verbessert wurden. Das Achterschiff zum Beispiel wurde viel fülliger gebaut, wodurch die Unart behoben wurde, dass sich das Achterschiff bei hoher Geschwindigkeit zu sehr in die Wellen graben konnte.

Da mit der Zeit immer größere und leistungsstärkere Maschinen gebaut wurden, die dadurch auch gewichtsmäßig immer schwerer wurden, gingen durch das enorme, beim Bau nicht berücksichtigte Maschinengewicht die guten Segeleigenschaften einiger Kutter verloren. Die »Collin Archer« wurden nach dem zweiten Weltkrieg auch als Lastentransporter genutzt, die Fahreigenschaften verschlechterten sich nochmals. Um dem entgegenzuwirken, baute man die Kutter breiter und höher. Die Schiffe wurden nur noch als »Schweinetrog« und »Holzschuh« bezeichnet. Sie waren kaum zu steuern und wälzten im Kielwasser das halbe Meer hinter sich her.

Eine andere Schiffsfamilie bildeten die dänischen Kutter, die landläufig nur »Haie« genannt wurden. Dies waren am Anfang jedoch keine speziellen Kutter. Es waren alle Kutter mit starken Maschinen gemeint.

Snurrewade Fischerei im Limfjord
Snurrewade Fischerei im Limfjord
In der Zeit der Snurrewade fuhren die großen Fischkutter, die die Wade an Bord hatten, immer zusammen mit einem kleinen Hilfsfahrzeug aus, mit der sogenannten »Snurrejolle«. Diese Snurrejolle hatte einzig und allein die Aufgabe, die Wade zu legen, während der Kutter an der Ankerboje festgemacht hatte. Alles andere wurde vom Kutter aus geregelt.

In die Kutter wurden jetzt immer größere Maschinen eingebaut, mit denen sie bei jedem Wetter, ohne sich nach dem Wind richten zu müssen, fahren und fischen konnten. Eine Snurrejolle wurde nicht mehr gebraucht. Doch nicht alle Fischer konnten sich den Einbau einer teuren Maschine leisten. Sie beschimpften die Maschinenkutter als Haie, da sie so gefräßig waren, den anderen den Fisch weg fingen und einen viel größeren Ertrag einbrachten. Aber diese Bezeichnung ist auch auf die aggressiv-bedrohliche Erscheinung zurückzuführen, wenn sie ohne Segel und mit Bugwelle und viel Gedröhn angerauscht kamen. Man sieht, dass die Bezeichnung »Hai« früher eher eine beleidigende, mit ein bisschen Neid und Skepsis gemischte Bezeichnung war, die sich nicht auf einen Schiffstyp beschränkte, sondern ein Funktionsmuster, einen Mechanisierungsgrad und ein »Benehmen« schilderte.

Haikutter Heck
Haikutter Heck

Mit der Zeit entwickelte sich am Nordseekutter immer mehr das typische elliptische, überhängende Heck, dass dem Kutter bei schwerer See oder hoher Geschwindigkeit einen Halt nach hinten verlieh und ein sauberes Abschneiden des Kielwassers bewirkte. Für diese Kutter wurde der Name »Haikutter« einfach übernommen, da diese die ersten neueren Schiffe waren, die ab Werk fast alle mit einer Maschine ausgestattet waren.

Ältere dänische Vorstufen für den Haikutter als solchen gibt es nicht, um diese zu finden muss man sich an die Engländer wenden.

In der Blüte der englischen Hochseefischerei vor der dänischen Küste wagten sich die Dänen noch nicht sehr weit heraus, da sie mit der Hochseefischerei und den dazu benötigten Kuttern überhaupt noch keine Erfahrung hatten. Sie guckten sich die Formen der Schiffe von den Engländern ab, die meist mit ihren sog. »Fishing Smacks« vor der jütländischen Küste arbeiteten.

Diese Schiffe hatten sehr schmale, scharfe Linien, einen ziemlich tiefen Unterwasserrumpf und einen fast senkrechten Vorsteven, was sie zu vorzüglichen und sehr hochseetauglichen anderthalbmastigen Seglern mit Gaffelsegeln und langem Bugspriet machte. Von diesen Fishing Smacks führten die Dänen einige nach Frederikshavn ein und bauten sie zuerst fast identisch nach, später gab es aber einige Verbesserungen. Die Fishing Smacks waren wegen des geringen Platzangebotes am Oberdeck sehr unbequeme Arbeitsfahrzeuge, die dazu noch eine geringe Reserveverdrängung  im Vorschiff hatten. Auch von Stadt zu Stadt gab es, wenn auch geringe Unterschiede: Der Vorsteven war bei den Frederikshavnern und den Skagenern etwas gekrümmt (unterlaufend), und bei den Esbjerger Kuttern bis kurz über das Kielende gerade und senkrecht.

Jedoch sind es nicht die Briten, welche die Vorläufer des Haikutters konstruiert haben, da sie ihre Fishing Smacks auch nicht selbst entwickelt haben. Diese wiederum sind nämlich eine Kopie der französischen »Lougre«, einem Kanonenboot, dass die Briten 1761 von den Franzosen kaperten und als Lotsenboot, Fischkutter und Yacht nutzten. Von ihm stammen auch die deutschen Fischerboote ab, sie sind fast identisch, nur der Name hat sich von Lougre über Lugger in Logger umgewandelt. Der »Heringslogger« z.B. wird immer noch viel in der Treibnetzfischerei verwendet. 

3D Modell Rumpf Platessa
3D Modell Rumpf Platessa

In Esbjerg und Umgebung wurden fast nur Haikutter verwendet, bis einige Leute, die aus der Nähe von Hornsriff kamen, von den sog. »Hundertstedtern« erzählten, die eine riesige Arbeitsfläche mit dem Verhältnis Breite : Länge von ungefähr 1:2,5 hatten. Also baute man diese Wunderkutter auch in Esbjerg, da sie auch noch den Vorteil der größeren Anfangsstabilität  hatten – in diesem Bereich waren die Haikutter nicht so gut.

Nach einiger Zeit stellte man fest, dass die große Anfangsstabilität ziemlich schnell ins negative umschlug und der Kutter so durch sein eigenes Gewicht kenterte, kieloben schwamm und nach einiger Zeit absoff. Also wurden wieder Haikutter gebaut, obwohl sie nicht so eine große Anfangsstabilität besaßen und erst bei ca. 50° Lage richtig stabil wurden. Bei ihnen schlug die Stabilität nie ins Negative um, und so können sie zwar durchkentern, richten sich aber immer wieder auf und kommen meistens auch zurück.

Nach der Motorisierung der meisten Kutter und der Erfindung des Ruderhauses ging auf dem Achterschiff wertvolle Arbeitsfläche verloren, die bei den Haikuttern z.B. durch das überhängende Heck wieder zur Verfügung stand. Da für die Schiffsform jedoch nicht nur die Linienführung sondern auch die Mode entscheidend ist, ging man ab 1930 wieder zum Rundheck über und kam am Schluß sogar zum vornübergebeugtem Spiegelheck.... (Ende des Auszugs der Arbeit von Philipp Grebner).


Snurrewade

Das Fischen mit der Snurrewade war eine sehr schonende Fangtechnik. Die Snurrewade ist eine Art ringförmiges Netz. Die Wade wurde mit der Snurrejolle ausgelegt und dann vom verankerten Kutter aus eingeholt. Die Leinen der Wade machten dann eine fegende Bewegung durchs Wasser, die die Fische vor sich her in ein Netz trieb.

Reserveverdrängung

Zusätzliche Verdrängung, die erst durch stärkeres Eintauchen des Schiffsrumpfes wirksam wird und beim Eintauchen mehr Auftrieb erzeugt. Schiffe mit geringer Reserveverdrängung am Bug tauchen bei Seegang tiefer in die Wellen ein.

Anfangsstabilität

Stabilität zu Beginn einer Krängungsbewegung (seitlichen Neigung) des Schiffes.