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Seemannsgarn

Weiße Segel und roter Wein:
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1s4300012Kannst Du mal eben kommen und mir helfen den Mast aufzustellen, rief Gerhard mir aus dem Garten zu und schon eilte ich, sozusagen mit wehenden Segeln, herbei und ließ meinen Blick wohlgefällig, und mit etwas Besitzerstolz über eine kleine Segeljolle gleiten, die wir im Ebay ersteigert und gerade aus dem Sauerland hierher gebracht hatten. Gerhard hielt den Mast fest, den Verklicker, ein kleines Fähnchen am Ende des Mastes, hatte er schon angebracht und ich befestigte nun das stehende Gut, als das sind die Wanten und die Stagen, die den Mast halten, am Schiffsrumpf. Dass ich überhaupt weiß, was eine Stage, Wante, ein Schothorn, Wantenspanner, Achterliek, Schäkel und anderes mehr, ist, habe ich Monika und Klaus zu verdanken, unseren Segellehrern vom Neusiedlersee im Burgenland, nicht weit der ungarischen Grenze, die uns während unseres diesjährigen Urlaubs, die Grundkenntnisse des Segelns beibrachten.
Dieser flache Steppensee, an der tiefsten Stelle ist er etwa zwei Meter tief, ist der Windreichste in Österreich und so eignet er sich vorzüglich zum Segeln und zum Surfen. Sein Ufer ist dicht mit Schilf bewachsen, darin brüten Graugänse, Enten und sonstiges Getier, deshalb steht der See unter Naturschutz und es dürfen keine Motorboote über den See brettern, was für uns Segelanfänger sehr beruhigend ist. Und nun sollte es für uns ernst werden mit dem Segeln.
Die erste Unterrichtsstunde auf dem See stand uns bevor und wir wurden von Monika, einer freundlichen, hübschen jungen Frau, in modischem Segeldress, eine Augenweide jeden Mannes, empfangen. Mit ihrer Hilfe setzten wir das Großsegel, legten ab und rollten dann die Fock auf. Nach einer Weile teilte sie uns mit, dass wir jetzt eine Wende machen würden und sie erklärte uns, wie das Manöver vor sich gehen sollte.
Der Steuermann dreht das Boot in den Wind, ruft - klar zur Wende. Der Vorschoter kontrolliert die Fockschot und sagt - ist klar. Der Steuermann ruft - Ree und drückt dabei die Pinne nach Lee, das Großsegel kommt rüber, der Steuermann wechselt auf die andere Seite, dabei greift er nach hinten um die Großschot in die andere Hand zu nehmen und um die Pinne gerade zu halten. Der Steuermann ruft - Fock kommt über. Der Vorschoter zieht schnell die Fock auf die andere Seite und macht sie mit der Schot fest und die Wende ist gemacht.
Soweit die Theorie. Die Praxis sah ganz anders aus. Wir kämpften mit2s4300044 Pinne, Fock und Schot. Der Großbaum hätte uns beim Rüberkommen beinahe „erschlagen“, der Steuermann saß auf der falschen Seite und so kam es, dass wir erst einmal in der Wende „verhungerten“. Das heißt, die Wende hatte nicht geklappt und das Manöver musste von Neuem beginnen.
Als wir nach der ersten Stunde am Bootssteg angelegt und die Segel eingepackt hatten, beschlossen Gerhard und ich die Wende noch einmal auf dem Trockenen zu üben. Im Unterrichtsraum der Segelschule stellten wir zwei Stühle einander gegenüber, die standen für Luv und Lee, Claudia hielt einen Besenstiel in den Händen, der die Pinne ersetzte.
Eine Schot fand sich auch und so übten wir die „Trockenwende“. Dass ich dabei zuerst einmal über meine eigene Füße stolperte und auf dem Fußboden zu sitzen kam, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen.
Am nächsten Tag fanden wir uns wieder in der Segelschule ein und wurden nicht, wie von Gerhard erhofft, von der hübschen Monika empfangen, sondern von Klaus, einem feschen Wiener. Sobald wir das Segel gesetzt und abgelegt hatten und uns auf dem richtigen Kurs befanden, machte er es sich erst einmal gemütlich, steckte sich eine Zigarette an, zog sein Handy aus der Hosentasche und telefonierte mit Mausi, seiner Freundin. Du Mausi, mir san grad mit sechs Knoten aufm See unterwegs. Naa brauchst koa Angst habn, i pass scho auf, dass die Zwoa, damit bedachte er Gerhard und mich mit einem belustigten Blick, mi net im See versenken daten. Also tschau Mausi, Bussi Bussi, babaa.
Dann lenkte er seinen Blick zum sogenannten Spion, einem kleinen Wollfaden, der an einer der Wanten in Augenhöhe befestigt ist und die Windrichtung anzeigt, stellte fest, dass der Steuermann Gerhard den richtigen Kurs fuhr, befahl dem Vorschoter Medi, die Fock dichter zu holen und sagte dann, so is gut, basst scho. Basst war sein absolutes Lieblingwort. Wenn etwas gut ist, dann basst es eben. Die Wende hatte diesmal „gebasst“ und zufrieden mit unseren seglerischen Leistungen legten wir am Bootssteg an. Segeln lernt sich nicht von alleine und so vertieften Gerhard und ich uns abends, bei einem „Glaserl rotem Wein“, um mit Klaus zu reden, im Wintergarten unserer Pension, in unser „Segelschulbuch“, um uns theoretisch für die Segelprüfung vorzubereiten. So lernt es sich doch viel leichter, fand ich und bereits nach dem zweiten Glaserl Wein bekam ich die ersten Probleme mit den Vorfahrtsregeln der Christlichen Seefahrt zu spüren. Wie war das doch gleich, Lee vor Luv, nein, Luv vor Lee oder doch Lee vor Luv? Und Steuerbord vor Backbord oder doch Backbord vor Steuerbord?
4weinmitrosenWie wir finden, gibt es am Neusiedlersee ein besonders guten Wein, und so kaufen wir schon seit vielen Jahren bei Georg, genannt Schurl und Gretel Jobst, unsere Lieblingssorten ein. So fuhren wir eines Abends nach Breitenbrunn hinüber, zur Weinprobe. Da Gerhard sich bereit erklärt hatte, Auto zu fahren, übernahm ich die vergnügliche Aufgabe des Weinprobierens. Ich liebe es nämlich mit Gretel und Schurl im Weinkeller zu sitzen, Schmalzbrote zu essen und über gut, gutster, am gutsten zu philosophieren. Besonders der Blaufränkisch bereitete mir Probleme. Welcher Jahrgang ist wohl der bessere. 2002 meint Schurl, 2003 meine ich oder ist 2002 doch besser. Nach mehrmaligen Probierens schloss ich mich dann der Meinung Schurls an. Hätte ich gleich auf ihn gehört, wäre ich spätabends im Bett nicht Karussell gefahren. Ich hatte nämlich ganz schön „einen in der Krone“ und dachte nur, und morgen früh sollst Du segeln gehen.
Auf der Heimfahrt kicherte ich so vor mich hin und fand alles was ich sah sehr komisch. Eine Verkehrsampel in Neusiedel, vor der wir anhalten mussten, hielt ich für einen bunten, blinkenden Weihnachtsbaum. Als Gerhard anfing zu singen, oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, war es um meine Fassung dann entgültig geschehen. Ein Lachanfall maldretierte mein Zwerchfell derart, dass es weh tat und ich mir den Bauch halten musste. Doch der Wein war gut, ich erwachte am nächsten Morgen ohne Kopfschmerzen und fand mich topfit zum Segeln ein. Klaus empfing uns mit sorgenvollem Gesicht und deutete in südwestliche Richtung, wo sich eine dunkle Gewitterfront aufgebaut hatte. Er fuhr sich mit der Hand durch sein schwarzes, volles Haar und seufzte, i woas neet, i woas neet, des siecht neet guat aus, dös gefallt mir neet. Vorsichthalber ließen wir das Segeln sein und bekamen dafür theoretischen Unterricht. Wir lernten die technischen Teile des Bootes wie Block, Schäkel, Klampen, Wantenspanner, sowie die Knoten und kamen auch zur Gesetzeskunde.
Mit dem Segeln klappte es auch am nächsten Tag nicht, denn es tobte ein Unwetter, mit über 100 Kilometer in der Stunde, über den See dahin, der sich wie wild gebärdete und hohe Wellen schlug. Jetzt wurde mir auch klar warum in Podersdorf ein wunderschöner weiß roter Leuchtturm steht. Eine Touristenattraktion, war mein erster Gedanke als ich ihn sah, doch er ist wirklich dazu da, die Schiffe auf dem See vor einem Unwetter zu warnen.
3s4300062Am nächsten Tag schien wieder die Sonne, der See hatte sich beruhigt, Klaus fand, dass wir „super Wind“ hätten und so legten wir am Bootssteg ab um unsere praktische Prüfung zu machen. Es hatte alles gebasst und nun hatten wir nur noch die theoretische Prüfung vor uns. Zur Stärkung kauften wir uns erst einmal eine, in Österreich obligatorische, Leberkas-Semmel und eine Flasche Almdudler. Dann bekamen Gerhard und ich zwei verschiedene Prüfungsbogen vorgelegt, damit wir nicht voneinander abschreiben konnten. Ich konnte ziemlich alle Fragen richtig beantworten, sogar die Vorfahrtsregeln waren richtig.
Und dann, ja und dann hielten Gerhard und ich unseren Segelschein in den Händen und konnten unser Glück kaum fassen. Monika und Klaus beglückwünschten uns zur bestandenen Prüfung und wir begossen dieses Ereignis mit einem Glas Prosecco, den hatte uns Schurl, in weiser Voraussicht, zur Feier des Tages spendiert.

5weinkeller

Prost Schurl!

Ethelrita Schernthaner 2005

 
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