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Bei den Menschen im Meer
- oder das Glück hat seinen Preis:
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Seemannsgarn | Seite: 1 2 3
Der Wind nahm mehr und mehr zu. Er jagte Regenwolken über die Hallig, die sich auch einmal über uns ergossen, so dass wir völlig durchnässt und fast erfroren zu Hause ankamen. Ich kochte für Gerhard und mich einen starken Kaffee, den ich mit viel Rum und einer dicken Sahnehaube zu einem Pharisäer verfeinert, von dem es uns bald wieder so richtig warm ums Herz wurde. In der Nacht zum 30. Dezember erreichte der Sturm seinen Höhepunkt. Er tobte um das Haus, er heulte in allen Tonlagen und so schauerlich, dass wir nicht schlafen konnten. Und dann am nächsten Morgen begann unser Halligabenteuer, die Hallig lief voll, es gab Landunter. Gegen sieben Uhr klingelte das Telefon. Lore Nissen teilte uns mit, dass es Landunter geben würde und wir unser Auto auf die Warft hoch fahren sollten. Das sorgte natürlich für Aufregung. Schon bei jedem Halligaufenthalt hofften wir, das einmal zu erleben und nun sollte es wirklich passieren. Die Hausgäste, die schnell in ihre Hosen und Jacken geschlüpft waren, in der Eile auch mal über den Schlafanzug, fuhren die Autos hoch und gegen acht Uhr stand der Weg unterhalb der Warft schon etwa einen Meter unter Wasser. So schnell ging das. Als es dann heller wurde, konnten wir von unserem Fenster aus beobachten, wie die Wellen über die Steinkante, die die Hallig befestigt, donnerten und das Land überfluteten. Gegen elf Uhr stand die Hallig total unter Wasser und es ragten nur noch kleine Erdhügel heraus und auf so einem kleinen Hügel, inmitten des tosenden Meeres, wohnten wir, wir kleinen Menschlein im wilden, großen Meer.
Ich konnte es nicht verhindern, dass mir ganz spontan das irrsinnig komische Lied von Helga Feddersen einfiel, „Die Wanne ist voll, juhuhuuhu“! Laut sang ich „Die Hallig ist voll juhuhuuhu“! Treffender konnte ich meine Begeisterung für das Landunter nicht zum Ausdruck bringen. Man möge es mir bitte verzeihen.
Am Nachmittag war dann Niedrigwasser und das Wasser konnte langsam von der Hallig ablaufen. Doch am nächsten Morgen, dem 31. Dezember, kam das nächste Landunter. Wieder stand die Hallig unter Wasser, wenn auch diesmal nicht so hoch wie am Tag vorher. Der Halliggastwirt auf der Hilligenleiwarft hatte für den Abend ein Sylvestermenue geplant, doch fiel dieses buchstäblich ins Wasser, da niemand wegen des Landunters hinfahren konnte. Fiede und Lore Nissen hatten ihre Gäste zur Sylvesterfeier in ihre mollig warme und festlich geschmückte Gartenhütte geladen. Um zwölf Uhr gingen wir nach draußen und stießen auf das Neue Jahr an. Ein Sturm brauste um das Haus und wir mussten die Sektgläser festhalten, um sie vor dem Wegfliegen zu bewahren. Fiede zündete dann ein Notsignal, das die ganze Warft in ein feuerrotes Licht tauchte. An Sylvester ist das erlaubt, ansonsten ist jedes Feuerwerk und jede Knallerei auf den Halligen verboten. Nachdem wir noch das Feuerwerk auf der Insel Föhr bewundert hatten, zogen wir uns wieder in unsere „Sturmfreie Bude“ zurück und klönten bis in den frühen Morgen.
Mit dem Neuen Jahr beruhigte sich das Wetter, der Sturm ließ nach, die Straßen waren wieder befahrbar und so konnten wir mit unseren Fahrrädern zum Halligkaufmann und zum Biobauernhof fahren um einzukaufen. Wir machten lange Spaziergänge, suchten nach Bernstein, den wir leider nicht fanden und sammelten allerlei Strandgut. Unter anderem einen Besen aus Bambus, der mir noch in meiner Besensammlung gefehlt hat und eine schöne weiße Kunststoffkiste, in der ich meine Muscheln nach Hause transportieren konnte.
Leider hieß es dann Abschied nehmen vom Halligleben. Die Morgenfähre um 7 Uhr dreißig, brachte uns am 4. Januar 2007 wieder nach Schlüttsiel, auf das Festland, zurück.
Von da aus machten wir uns auf den Weg, aber noch nicht nach Hause, sondern nach Eckernförde zu Ewald und seinen zwei Frauen, nämlich Petra seiner Lebensgefährtin und „Platessa von Esbjerg“, einem wunderschönen Traditionssegler. Wir freuten uns die Drei wiederzusehen. Mehrere Segeltörns hatten wir in den letzten Jahren zusammen durch die dänische Südsee gemacht und es war so richtig schön, noch zwei Tage auf dem Schiff zu wohnen und im Schlafsack in einer Koje zu schlafen. Die Platessa überwinterte im Innenhafen in Eckernförde und Ewald hatte sie weihnachtlich geschmückt, mit einem bunt behängten Tannenbaum und Tannenzweigen an denen außer weißen Sternen eine kleine Meerjungfrau baumelte, des Seemanns Weihnachtsschmuck.
Abends saßen wir zusammen in der Messe, klönten, tranken eine und noch eine Flasche Sekt und feierten unser Wiedersehen auf der Platessa.
Ja und dann hieß es wieder Abschied nehmen und diesmal machten wie uns endgültig auf den weiten Weg, zurück nach Offenbach.
Ethelrita Schernthaner
Januar 2007
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