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Sommersegeltörn August 2010
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Segelbericht - von Peregrina

Ich stehe auf einer sommerlich trockenen Wiese, die kurzen Halme streichen um meine Knöchel. Ringsum, wohin ich mich auch wende, sehe ich nur Natur, Blumen, Gräser und Kräuter, und dort hinten - ganz weit in der Ferne, wo Himmel und Erde sich zu berühren scheinen, erblicke, oder viel mehr erahne ich einen hellen Streifen unberühten Sandstrandes, der mit der sanften Hamonie der Farben in das tiefe Blau des Meeres übergeht - oder ist es nur das Azur des Himmels, das dort auf die Sandtöne der Strandlandschaft trifft?
Nein, ich bin mir sicher, es ist das Meer, ist die Ostsee. Und schon das Erahnen ihrer Nähe lässt in mir ein solches Glücksgefühl aufsteigen, dass ich am liebsten weinen möchte. Da erklingt eine Melodie, erstaunlich dicht an meinem Ohr. Was mag das sein? Sind es die Engel, die sich mit mir gemeinsam an der Schönheit der Welt erfreuen? Schon will ich in den Gesang einstimmen, als ich das Lied erkenne - und vor Schreck erwache.
Die schöne Wiese ist fort, das Meer, der arzurblaue Himmel werden aus meiner Fantasie verdrängt - nur die Musik bleibt: Ein junger Popsänger, nicht viel älter als ich, plärrt die Worte seines Texters in mein Ohr, in der Hoffnung, dass man mithilfe der modernen Technik auch seine Stimme zu Geld machen kann, wenn man nur hartnäckig genug ist.
"Weckzeit: 5:33 Uhr" steht auf dem Bildschirm meines Mobiltelefons. Ich habe zwei Möglichkeiten: Ich könnte meinen Wecker ausschalten und aufstehen oder die "Snooze"-Taste drücken, um in zehn Minuten noch einmal ans Aufstehen erinnert zu werden. Aus Gewohnheit bewegt sich mein Finger auf eben diese verheißungsvolle Taste zu, doch dann muss ich mit einem Mal an Ewald denken und wie er einmal zu mir und meinen Klassenkameraden von der Bedeutung des Aufstehens gesprochen hat und ich denke mir: Ist das wirklich die Art und Weise, wie ich in die Welt treten und dem neuen Tag begegnen möchte? Voller Unwillen gegen den Beginn eines neuen Schuljahres, jammernd und unentschlossen?
Nein. Ich schalte den Wecker aus und verlasse mein kuscheliges Nachtlager. Ich werfe ein Blick aus meinem Zimmerfenster und fühle mich getröstet, denn zumindest eine ist schon vor mir erwacht: die Sonne. Ich schließe die Augen und stelle mir vor wieder in meiner Koje zu liegen: in der Piek Backbord, unten. Ich stelle mir vor, wie ich zum Frühstücken in die Messe hinutersteige, den Geruch nach frischen, viel zu wässrigem Kaffee in der Nase, immerfort die Schienbeine an den Stufen stoßend. Liebevoll betrachte ich die zahlreichen Blutergüsse an meinen Beinen: Beweise dafür, dass ich wirklich dort war, auf der Platessa, dass alles wahr ist und nicht bloß ein Traum.
Schon das Segelpraktikum mit einem Teil meiner Schulklasse hatte mich in wochenlange Euphorie versetzt, die mich durch den Monat Stadtleben hindurchgetragen hatte, bis es endlich wieder so weit war - und wir im Zug zum Sommertörn saßen. Vier Schulfreundinnen, mein Musiklehrer, dessen Freundin und Kind und ein mir noch fremder, ernst blickender Herr, Vater eines ehemaligen Mitschülers - so fuhren wir mit Sack und Pack von Berlin nach Eckernförde, dem kleinen, gemütlichen Städtchen an der Ostsee. Als wir zurückfuhren waren wir
Rike, Fritzi, Ronja, Pere, Iru, Annika, Junoo und Carsten - jeder Einzelne ein Teil der großen Platessafamilie.
Die Hinfahrt empfand ich als recht angenehm, das gewohnte Chaos der Deutschen Bahn konnte unsere Vorfreude auf das Segeln nicht dämpfen; wir alle waren voller Hoffnung, die Alltagssorgen der Großstadt für einige Tage hinter uns lassen zu können. Etwas erschöpft, aber gut gelaunt erreichten wir den Eckernförder Hafen - und dort lag sie vor uns, genau wie ich sie in Erinnerung behalten hatte, die alte Dame, die Lady Platessa von Esbjerg.
Nach herzlicher Begrüßung, Toilettengang und Beschlagnahmung unserer Kojen versammelten wir uns in der Messe zur Kennenlernrunde. Aus verschiedenen Gegenden hatten wir uns dort zusammengefunden, um den hektischen Alltag hinter uns zu lassen, zu segeln und vielleicht ein paar nette neue Bekanntschaften zu machen. Eine liebe Gemeinschaft wünschte sich der 8-jährige Junoo, der zum ersten Mal mitsegelte und vom ersten Moment an der Liebling aller an Bord war, und diesem Wunsch schloss sich jeder an. Nette Gespräche, gutes Segelwetter, Zeit, um Dänemark erkunden zu können, geemeinsames Singen und magische Momente waren die Wünsche, die in unserer Runde ausgsprochen wurden. Alle wollten hilfsbereit sein und ihren Teil zur Gemeinschaft, zum Segeln und vielleicht auch zum Kochen beitragen.
In mir gab es eigentlich nur einen Wunsch: Es sollte wieder ebenso schön werden wie unser Praktikum und ich wollte genauso glüklich sein. Eigentlich kein guter Wunsch, denn ich wollte ja offen für neue Erfahrungen sein und nicht vergleichen, aber irgendwie wusste ich von Anfang an: Ich musste mir keine Sorgen machen, ja, ich wusste, der Törn würde zauberhaft werden. Den ersten Abend verbrachten wir traditionsgemäß im Rhodos, dem Eckernförder Griechen, wo wir bei gutem Essen miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam lachen konnten. Sehr fröhlich kehrten wir spät am Abend nach einem kleinen Nachtspaziergang zur Platessa zurück, um dann erschöpft in die Kojen zu fallen. An die Strenge unseres Bootspraktikanten und Bettnachbarn bei der Einhaltung der Bordregeln musste unser freiheitsliebender, jugendlicher Geist sich erst noch gewöhnen, aber unser Körper war sicher dankbar dafür.
Am Morgen erwarteten uns die Einweisugen in die wichtigsten Regelungen, die Sicherheitsvorschriften und Segelhandgriffe. Mit Erstaunen konnte ich feststellen, dass ich mir, wenn ich auch noch viel zu lernen habe, doch über die wichtigsten Grundlagen des Segelns noch im Klaren war. Wie groß war meine Aufregung als es dann endlich soweit war und wir uns zum Ablegen bereit machten! Zum ersten Mal war ich Teil der Vordermannschaft und kam mir ungemein wichtig vor. Das gemeinsame Ziehen mit Jakob, alias "Kröbli", dem Bootspraktikanten, war noch nicht besonders harmonisch, denn er zog das Großsegel mit einer solchen Geschwindigkeit in die Höhe, dass ich nur noch unkontrolliert mit den Armen wedeln konnte, um wenigstens den Anschein zu erwecken, einen Anteil am Geschehen zu haben. Trotzdem ließ die Überzeugung meiner ungeheuren Wichtigkeit nicht nach und ich war hinterher außerordentlich stolz beim Großsegel und Klüver setzen zumindest dabei gewesen zu sein. Das Wetter war ideal, um sich wieder mit dem Schiff vertraut zu machen und da außer unserem kleinen Junoo jeder von uns bereits einige wenige oder auch mehr Erfahrungen mit dem Segeln gemacht hatte, ging das wunderbar leicht von der Hand. Einen großen Anteil an dieser Leichtigkeit hatten auch unsere Bootsmänner, Till alias "Düll" und Jakob, die uns mit großer Ruhe und viel Witz ins Segeln einzuführen wussten, ohne uns das Gefühl zu geben, es würde nicht von besonderer Intelligenz zeugen, beispielweise noch bei der zehnten Leine nachzufragen, ob der Halbe Schlag richtig herum gelegt ist oder mit welcher Bewegung man die Pütz am besten schwingt, um bei voller Fahrt Wasser zu schöpfen, ohne über Bord zu gehen.
Elf Stunden segelten wir übers offene Meer, von Eckernförde zum dänischen Ort Fåborg und Wind und Wolken ließen uns nicht im Stich. Am späten Abend erreichten wir den Hafen, wo wir, dank unseres fleißigen Küchenteams, bald nach dem Anlegen unseren mächtig knurrenden Magen besänftigen konnten und, ausnahmsweise hinterher, versuchten, den anderen unseren Eindruck des Tages zu vermitteln.
Die Erschöpfung nach einem so langen Tag trug viele von uns dann recht schnell in die heißgeliebte Koje, mich jedoch hielten die vielen neuen Eindrücke des Tages noch einige Stunden wach, bis ich dann schließlich einschlief und den Tag einfach fortträumte: Munter schmierte ich Brote, besetzte den Ausguck, zog das Starksegel in die Höhe - und erholte mich dabei ganz wunderbar.
Der nächste Tag sah dann jedoch etwas anders aus. Beim Frühstück erfuhren wir von Ewalds Entschluss, den Tag ruhig anzugehen und die kurze Überfahrt zur Insel Lyø mit dem Motor zu vollbringen. Das Segeln sollte also vorerst noch Teil meines Traumes bleiben. Nach den allmorgendlichen Arbeiten, die für mich ebenso zur Platessa gehören wie das Segeln selbst, sahen wir uns Fåborg an, ein kleines Städtchen mit typisch dänischen Häusern und engen, wunderbar sauberen Gassen. Während ich so Eis schleckend mit ein paar Mitseglern und -seglerinnen die Einkaufsstraße entlangschlenderte und die zögerlich wärmenden Sonnenstrahlen schüchtern über mein Gesicht streichelten, vesetzten mich die stimmungsvollen Klänge einiger Straßenmusikanten in wahre Euphorie und ich konnte nicht umhin, in eine tiefe Liebe zu diesem mir zuvor so wenig bekannten Dänemark zu fallen. Zurück an Bord steuerten wir zunächst zur Schiffstankstelle und mir wurde zum ersten Mal bewusst, wie viele Liter Benzin unsere gute alte Dame verschlingt und welch hoher Preis dafür heute gezahlt werden muss.
Dann machten wir uns für die Überfahrt bereit, die kaum eine Stunde dauerte. Sicher am "Lyø Havn" angelegt, war die Abschlussrunde vor allem eine Runde der Vorfreude auf die folgenden Stunden.
Nach dem leckeren Abendessen - "Einen herzlichen Dank an die Küche." - machte sich eine Gruppe junger Leute auf den Weg, das alte Heiligtum der Wikinger zu begutachten, von dem uns schon so viel Interessantes erzählt worden war. Nach einem langen Fußmarsch bot sich uns ein kurioser Anblick: Inmitten zweier Kornfelder ragte ein Halbkreis hochgewachsener Bäume in die Höhe, die sich zur Mitte zu wenden schienen, wo das Heiligtum selbst stand, in Form einiger großer Felssteinen, den "Klokkestenen".
Das Erlebnis des legendären Lyøer Sonnenuntergangs mussten wir uns leider für die nächste Fahrt aufheben, denn der Westen war von einer undurchdringlichen Wolkenschicht bedeckt. Trotzdem erlebten wir dort wunderschöne Momente und irrten dann erst bei Einbruch der
Dunkelheit mit einigen Umwegen zum Hafen zurück.
Der morgendliche Himmel des vierten Segeltages war bewölkt und die Luft kühl. Schon früh liefen wir in Lyø aus und begaben und segelten in Richtung der Insel Ærø, wobei ich zum ersten Mal gemeinsam mit Fritzi wirklich selbst das Großsegel in die Höhe zog und auch das Ziehen mit Kröbli einen gewissen Rythmus bekam. Auf halbem Wege begann es zu regnen und bald schüttete es wie aus Kübeln. Trotz der vielen Kleidungsschichten, verwandelte der Regen einen Großteil von uns in eine Abbildung menschlicher Wasserfälle, nur die Bootsleute konnten mir ihrem Ölzeug selbst diesen Wassermassen trotzen.
Mit Geduld und Gesang erreichten wir schließlich Ærøskøping, eine kleine dänische Hafenstadt mit einem wunderbaren Sandstrand. Im Hafen angelegt, brach die Wolkendecke auf und die Sonne kam heraus. Das Gefühl die Schönheit und Wärme der Sonne erst jetzt richtig schätzen zu können, war die Hauptbotschaft unserer Abschlussrunde, die ich zitternd und bibbernd in meiner nassen Kleidung seltsamerweise als sehr schön in Erinnerung habe.
Und dann war es auch schon so weit: Mein erster Ausflug ins Klüvernetz stand bevor. Vorsichtig kletterte ich als Letzte unseres Teams hinein, stand am nähesten am Schiff und war doch außerordentlich ängstlich. Immerhin stand ich auf eben jenem Netz, durch dessen Maschen noch am Tage zuvor am Hafen Lyøs der kleine Junoo ins Wasser gefallen und Iru ihm voll väterlichem Heldenmute mit Hut und Sonnenbrille gefolgt war, um ihn zu erretten.
Natürlich war ich mir dessen durchaus bewusst, dass ich um einiges größer war als Junoo und dass mir nichts weiter hätte passieren können als ein kleines unfreiwilliges Bad, denn schließlich waren wir längst im sicheren Hafen eingekehrt, doch trozdem kam ich mir sehr
heldenhaft vor, wie ich dort völlig ohne Sicherung stand und beim Klüverpacken half. Kaum fühlte ich mich dann doch etwas sicherer auf meinen Beinen, begann es erneut zu regnen, was zunächst wie ein feiner Nieselregen schien, entwickelte sich zu einem kräftigen Schauer, der uns, die wir unsere Regenbekleidung gegen neue, trockene Klamotten eingetauscht hatten, noch einmal bis auf die Haut durchnässte, während der Rest der Mannschaft es sich unter der Plane gemütlich machen konnte.
Trotz oder vielleicht auch gerade wegen des Wetters ist mir dieser Tag nicht nur als sehr nass, sondern auch als sehr schön in Erinnerung geblieben, denn er zeigte mir, dass es kein schlechtes Wetter gibt und meine glückliche Grundstimmung sowie die entspannte Stimmung an Bord auch von Kälte und Nässe nicht im Geringsten zu dämpfen war. Um ein wenig zu trocknen, kuschelten Fritzi, Rike, Jane und Dagma und ich uns ein wenig in unsere, bzw anderer Leute Kojen, um ein wenig zu schlafen, zu dösen und ein paar Zeilen zu
lesen und sahen und hörten für eine Weile nichts mehr.
Später dann, nach dem leckeren Essen, ging eine Gruppe Segler_Innen an den wunderbar weichen Sandstrand, wo Jane, Fritzi und ich uns sogar eine Weile ins kalte Meereswasser wagten und Junoo uns mit zahlreichen Schätzen beschenkte. Jane blieb mit Dagmar da, um den Sonnenuntergang anzuschauen, den wir leider verpassten. Der Abend wurde noch sehr gesellig und ich bekam das Gefühl, dort einer richtigen Familie anzugehören.
Den nächsten Tag segelten wir bei schönem Wetter einen Hafen weiter nach Marstal. Zum ersten Mal packte ich mit meinem Team das Klüversegel bei voller Fahrt ein, was mir unendliche Freude bereitete und ungeahnte Talente in mir zu Tage förderte. Während wir dort also standen, singend und packend, bewies ich großes Geschick, nicht etwa im Segel einpacken, sondern vielmehr im Verwickeln der Bänder meiner Sicherungsweste, was Kröbli, der mich netterweise zu befreien versuchte, an den Rande des Wahnsinns trieb. Trotzdem war ich selten so glücklich, wie in dieser Viertelstunde, die wir dort standen - zu allen Seiten von azurblauem Wasser umgeben, den Wind in den Haaren und die Sonne im Gesicht.
Der Wind blies an diesem Tag noch einmal ordentlich, was dem Segeln natürlich immer den größten Reiz gibt. Die Fahrt nach Marstal war, wenn auch nicht lang, so doch wunderschön. Vom ersten Tag an hatten wir drei leidenschaftliche Chorsängerinnen es uns zur Gewohnheit gemacht einfach in jeder freien Minute zu singen: allein, zu zweit, zu dritt, oder auch mit allen zusammen. Dieses gemeinsame Singen gehörte zu jeder Überfahrt, zu jedem Handgriff in der Messe und zu jedem Nachmittag und Abend an Land. Carsten formulierte es in der Abschlussrunde am letzten Tag etwa folgenderweise:
"Es war kein Segeltörn mit Singen, sondern ein Singtörn mit Segeln."
Schon oft habe ich gesehen und gespürt, wie gemeinsames Singen und Musizieren Menschen verbindet und Fremde zu Freunden macht und ich glaube, dass die Musik, die so ganz natürlich zum Segeln dazugehörte, einen großen Anteil daran hatte, dass unsere kleine Gemeinschaft so "lieb" war und eigentlich schon nach dem zweiten Tag so selbstverständlich zusammenzugehören schien. Besonders viel Freude bereitete uns Junoo, der mit seinen acht Jahren besser singen kann, als viele andere nach jahrelanger Übung und der eine Freude an der Musik an den Tag legte, die auch jeden anderen anstecken musste.
Leider muss ich vor langer Zeit schon einmal schweres Unrecht getan haben, sodass an mir als leidenschaftliche Musikliebhaberin ein seltsamer Fluch hängt, der mich, wann immer sich Iru nach vielem Bitten und Drängen unsererseits dazu herabließ die Gitarre in die Hand zu nehmen, alle sich mit den Liederbüchern an einem Ort versammelten und die ersten Töne schon in der Luft zu schweben schienen, in den Ausguck verbannte. So machten mich jedoch die wenigen Male, bei denen ich wirklich mitsingen konnte, um so glücklicher.
In Marstal erlebten wir noch einen weiteren entspannten Nachmittag, den jeder verbrachte, wie er mochte, ein Großteil unserer Männer im Schifffahrtsmuseum, andere an Bord oder in Marstal, einer gemütlichen dänischen Kleinstadt, mit versteckten kleinen Gässchen, die mit einer gesunden Fantasie zu herrlichen Geheimgängen werden können und kleinen und großen Kindern viel Freude bereiten können.
Den Abend verbrachten wir vor allem mit einigen bekannten Rocksongs, die wir mehr schlecht als recht, aber mit einer Menge Spaß zu Jakobs professioneller Gitarrenbegleitung, die von da
an unentbehrlich für uns wurde, zu singen versuchten.
Am nächsten Morgen standen wir etwas früher auf als gewöhnlich, um gleich pünktlich um 7 Uhr vom Marstaler Hafen abzulegen, die Segel zu setzen und dann auf dem Meer zu frühstücken, was dem Essen immer einen ganz besonderen Zauber verleiht. Denn nach getaner Arbeit ist das Essen natürlich noch viel schmackhafter als zuvor - besonders der wunderbar stärkende Frischkornbrei, den Carsten jeden Morgen mit so viel Liebe und Fleiß zuzubereiten wusste.
Im Laufe des Tages hatte Carsten jedoch ein noch schöneres Geschenk für uns: dänische Zimtschnecken, die wir bei einer Pause zwischen einer der vielen Wenden, die wir an diesem Tag hinlegten und nachdem wir das Starksegel drei mal hoch- und wieder heruntergezogen hatten, mit wohlverdientem Genuss verzehrten. Eine Überraschung, die ein jeder von uns einfach in der Abschlussrunde erwähnen musste, denn wessen Herz könnte mit dänischen Zimtschnecken zur rechten Zeit nicht im Sturm erobert werden?
Nach einer Kreuz- und Querfahrt über die dänische und dann die deutsche Ostsee kamen wir schließlich in Damp an, wo wir uns nach der fröhlichen Abschlussrunde in die zahlreichen und ungemein unauffälligen Vorbereitungen für Irus Geburtstag am nächsten Tag stürzten. Immer allen voran unser wichtigster Mann: Junoo.
Die Heimlichtuerei bereitete uns allen die größte Freude und obwohl wir all unser Einfallsreichtum aufwendeten, um das zu verhindern, kannte Iru die Überraschungen wahrscheinlich am Ende des Tages alle schon, oder erahnte sie zumindest, was er jedoch taktvoller Weise verschwieg. Zuerst halfen wir Junoo beim Einpacken seines Geschenks, dann backten wir zusammen einen Kuchen nach dänischer Anleitung - obwohl dummerweise keiner von uns dänisch sprach - und dann zogen Rike, Fritzi, Ronja und ich uns für den Rest des Tages an den Strand zurück, wo wir unter einigen Konzentrationsschwierigkeiten das Lied einübten, dass wir am nächsten Morgen für Iru singen wollten, während Annika Iru in die Stadt entführte, unsere tapferen Bootmänner weiter am Schiff arbeiteten und der Rest der Mannschaft das Abendessen zubereitete.
Irus Geburtstagmorgen wurde ein großer Spaß. Es machte Freude zu sehen, wie er sich über die kleinen Überraschungen freute und ein jeder kam zu dem Schluss, dass so ein Geburtstag an Bord der Platessa doch etwas sehr Feines war. Ganz entspannt kümmerten wir uns dann um die Sauberkeit des Schiffes und segelten, als alles fertig war, das kleine Stück von Damp nach Kappeln auf der Schlei entlang. Dort angekommen, sangen wir noch einmal für alle Irus Geburtstagslied und legten uns dann fast alle zu ein paar Stündchen Mittagsruhe nieder. Zum Einschlafen bekamen wir eine, wenn auch
lange überfällige, so doch sehr schöne und fantasievolle Gutenachtgeschichte von unserem Bootsmann Jakob erzählt, die ich am nächsten Morgen mit vielen Unterbrechungen und kreativen Ergänzungen, für alle nacherzählen musste. Wenngleich ich auch nicht einschlafen konnte, so entspannte ich mich doch wunderbar in meiner kuscheligen Hälfte unserer Gemeinschafts-Koje.
Und dann ging es los: Nach einem bestechend leckerem Abendessen machten wir uns auf den Weg in die kleine "Kulturkneipe" Kappelns, in der wunderbarer Weise ein Klavier steht, das wir für den Abend reserviert hatten. Der Abend wurde wie es sich für den letzten gehörte, der schönste von allen: Bis tief in die Nacht hinein sangen wir zusammen, von Iru auf dem Klavier begleitet, unsere liebsten Lieder der Platessa-Liedersammlung oder lauschten unseren beiden Jazzsolistinnen Fritzi und Rike. Es wurde ein richtig runder, fröhlicher und wunderschöner Abschlussabend.
Zur Feier des Tages durften wir am nächsten Morgen auch eine Stunde länger schlafen, um dann entspannt zu frühstücken, unsere Taschen zu packen und das Schiff wieder zum Glänzen zu bringen. Nach getaner Arbeit versammelten wir uns unten in der Messe zur Abschlussrunde.
Ein jeder versuchte sich auf die Wünsche zu besinnen, die er mit an Bord gebracht hatte und musste feststellen, dass sie in vielen Fällen übertroffen worden waren. Wer sich nette Gespräche gwünscht hatte, hatte sie bekommen und vielleicht hatte er auch das ein oder andere ganz besondere Gespräch geführt. Wer sich neue Bekanntschaften und eine liebe Gemeinschaft gewünscht hatte, hatte darüber hinaus noch eine kleine Familie bekommen und sich vielleicht sogar verliebt. Wer sich Entspannung gewünscht hatte, hatte ein paar Tage innerer Ruhe bekommen. Wer sich wie Ali nur gutes Segelwetter gewünscht hatte, hatte darüber hinaus gelernt, dass das Segeln nicht das Wichtigste war an Bord und dass noch viele schöne Dinge zu einem solchen Törn dazugehören. Wer sich wie Jane gemeinsames Singen gewünscht hatte, hatte "einen Singtörn mit Segeln" bekommen und Carsten, der sich magische Momente gewünscht hatte, sprach in seinem rührenden Beitrag von einer ganzen magischen Woche.
Und ich - die ich mir vor allem gewünscht hatte, genauso glücklich zu sein, wie das letzte Mal, war noch glücklicher gewesen und hatte das Leben noch ein Stück mehr lieben gelernt.
Sehr gefühlvoll ging es in der Abschlussrunde zu - obwohl ich noch nie in Gegenwart fremder Menschen habe weinen können, konnte nicht mehr damit aufhören und das machte mich auf eine andere tiefere Art sogar ein wenig glücklich.
Ein Abschiedsfoto konnten wir nicht mehr aufnehmen, da die Zeit nicht ausreichte. In unserer kleinen Fahrgemeinschaft fuhren wir den langen Weg zurück nach Berlin. Und so seltsam das klingen mag, es war nicht leicht sich wieder einzuleben. Noch eine Woche später stehe ich an meinem ersten Tag des neuen Schuljahres da und betrachte die letzten Spuren der blauen Flecken, die meine Schienbeine verzieren.
Obwohl ich weiß, dass ich zum Ausbildungstörn schon bald wieder zur Platessa fahren werde, das Meer wieder sehen werde, die Segel setzen, das Wasser gegen das Schiff plätschern hören werde, so vermisse ich doch immer noch diesen Alltag, das Gefühl der Gemeinschaft, deren Mitglieder so verschiedene Wege gehen, verschiedene Erlebnisse haben und doch immer wieder zueinanderkommen und die schönsten Momente miteinander teilen können und einander verstehen und lieben lernen, so wie man nun einmal ist: menschlich und liebenswert, Und von all den geliebten Erlebnissen und Gewohnheiten ist es das gemeinsame Singen, das ich nach diesem Törn am schmerzlichsten vermisse. Als ich nach Berlin zurückkam, musste ich diese überfüllte, hektische, verpestete Großstadt erst wieder von Neuem lieben lernen, denn der Eindruck der zeitlosen, immer wieder zu den Ursprüngen, dem Wesentlichen und der Natur zurückführenden Atmosphäre auf der Platessa, wo jede Tat noch ihre ursprüngliche Bedeutung zu haben scheint, ließ mich jedes Geräusch doppelt laut hören, jede Hektik und jeden Stress verdreifacht spüren. Doch wenn man die Ruhe der Platessa, die Entspanntheit und das Glück in sich behält, kann man sie auch im Alltag beibehalten, auch im rasenden Großstadtleben.
Und das ist, glaube ich, die Aufgabe jedes Menschen, der die Ausflüge mit diesem wunderschönen Traditionsschiff und mit Ewald und einer Gruppe verschiedenster Menschen in ähnlich intensiver Weise erlebt hat, wie ich es getan habe, denn wir können nur schwer erzählen, was jeder anhand eines Segeltörns so alles erleben und über sich selbst und die Welt und das Leben lernen kann, - aber wir können doch versuchen es zu zeigen.

 
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