|
Standpunkt. Sommersegeltörn
Übersicht
| Bildergalerie | Bericht
(subjektive) Eindrücke eines Betreuers während eines Segelprojekts
„Ich bin noch nie gesegelt. Deshalb ließ ich mir die Chance nicht entgehen, als Mitbetreuer eine 8 köpfigen Gruppe bei einem Segelprojekt zu begleiten. Das Projekt versprach interessant zu werden. Zwei Firmen, tätig im Bereich des Betreuten Wohnens, riefen es ins Leben, um sehr verschiedenen physisch und/oder psychisch instabilen Menschen eine komplett neue Erfahrung zu vermitteln.
Geplant waren 5 Tage, ein Tag für die Hinfahrt nach Eckernförde, 4 Nächte und 3 Tage auf der „Platessa“, einem alten Traditionssegler, und der Rückfahrt.
Nach einem kurzen Begrüßungskaffeetrinken Sonntagmittags um 12 Uhr ging es los. Ich hatte das Vergnügen, die knapp 6 - stündige Autofahrt mit Arne, einem Punk von Anfang 20 und Annemarie, einer vollschlanken Mutter von etwa 40 Jahren zu verbringen. Arne hatte in der Vornacht wohl recht ausgiebig gefeiert und damit die nötige Bettschwere, die ganze Fahrt schnarchend auf der Rückbank zu verbringen. Und Annemarie war, wie sich herausstellte, das erste Mal freiwillig allein unterwegs, d.h. ohne ihre vertraute Familie. Und sie war dementsprechend ängstlich. Sie hatte Angst vor dem schnellen Autofahren, Angst vor dem Segeln, Angst vor den unbekannten Mitreisenden, Angst eigentlich vor allem Ungewissen. Aber so hatten wir ein Thema, und ich hatte jemanden, der mich mit Leckerchen versorgte.
Gegen 18 Uhr hatten wir unser Ziel erreicht, den Hafen von Eckernförde, und auch recht schnell unser Segelboot, die „Platessa“ entdeckt. Wie ich später erfahren sollte, ein Segelschiff und kein Segelboot! Der Unterschied erschloss sich mir nicht wirklich. Irritierend waren die beiden „älteren“ Damen an Bord, die uns ein fröhliches „Moin, Moin!“ entgegen schmetterten. Die Abenddämmerung hatte unwiderlegbar bereits eingesetzt. Die „Rote“ mit nackten Füßen in den Sandalen hieß Ellen und war die 62 Jahre alte Bootsfrau, die uns neben dem Skipper begleiten sollte. Die „Graue“ hieß Petra, war Seelenheilerin und Angetraute unseres Skippers. Und der tauchte dann auch aus dem Schiffsrumpf auf, braungebrannt, wettergegerbt, Sonnenbrille, Friesenmütze. Und ganze 72 Jahre auf dem Buckel.
Na, dachte ich, wer betreut denn hier wen? Doch die energische Stimme, mit der er uns zur Verladung von Gepäck und Verpflegung aufforderte, belehrte mich eines anderen. Danach wurden wir zur Verkündung von Sicherheitsvorkehrungen und Verhaltenskodex über eine Stiege mit ca. 85% Gefälle in den Schiffsrumpf beordert, die „Messe“. Ein besserer Holzverschlag, der irgendwie alles war, Kajüte, Koje, Kombüse und unser Versammlungsraum. Ein großer rechteckiger Holztisch mit Holzbänken drum herum, darauf Platz für 12 Personen, umgeben von 4 Kojen, im Vergleich zu denen ein Etagenbett eine Villa wäre.
Irgendwie quetschten wir 12 uns um den Tisch herum und nach kurzer Einführung in die Welt an Bord stellten wir uns und unsere Erwartungen an den Trip gegenseitig vor.
Neben Arne, Annemarie und mir waren da noch Anne, die Projektleiterin, eine erfahrene Sozialarbeiterin, die diesen Trip bereits zum zweiten Mal machte, Lisa und Judith, beide frisch in den 20 und angehende bzw. „frische“ Sozialarbeiterinnen, die neben mir als Betreuer mitfuhren, und unsere Klienten. Gabi, 55, die ein wenig lebensuntüchtig wirkte und auch erstmalig allein in fremder Umgebung ihr Leben meistern musste, Markus, 38, der sich in seinem Alltag als Friedhofsgärtner verdingte, was wohl auch der Grund für seine etwas gewöhnungsbedürftigen Humorausbrüche sein musste, Dennis, 25, ein sanfter Mann, der nicht sanft sein will, der schon bekannte Arne, der irgendwann zu ausgiebig Bekanntschaft mit THC gemacht hatte, und Annemarie, die Ängstliche. Zwei weitere Teilnehmer hatten sehr kurzfristig absagen müssen, Tanja wegen kranker Kleinkinder und fehlender Betreuung und Frederik wegen eines Magen-Darminfektes.
Den Skipper interessierten vor allem die Beweggründe, die jeden einzelnen zu dem Trip gebracht haben. Bei dem einen war es pure Abenteuerlust, beim anderen das Gefühl, sich selber auf unbekanntem Gebiet zu prüfen und zu beweisen, beim dritten die Verbundenheit zur Natur.
Nach der gegenseitigen Vorstellung bat Skipper Ewald dann tatsächlich zum gemeinsamen Gebet, das er mit dem Wunsch nach einer gesegneten Zeit und mit dem gemeinsamen Händereichen (linke Hand nach oben, rechte nach unten, sprich: geben und nehmen) enden ließ. Als wär’s noch nicht ungewohnt (peinlich) genug.
Als dann wurden noch die Kojen zugeteilt. Ich belegte mit den drei betreuenden Damen den Versammlungsraum, was mindestens eine von ihnen noch bereuen sollte. Denn wider besseres Wissen sollte ich nach Aussage von Judith tatsächlich schnarchen. Aber was kann ich für ihre schlechten Träume?
Tag 1 oder die Entdeckung der Langsamkeit!
Nach Frühstück und erneutem Gebet ging’s an’s Lernen des kleinen Segler-ABCs. Piek Fall, Klüver Fall, schieß die Leinen an, mach` n Kopfschlag, hol die Fender raus, Halse, Fock, Besan. Mann oh Mann! Ellen, die Bootsfrau dolmetschte zum Glück alles. Der Skipper teilte die Bugwachen (Surfer auf 1 Uhr, Boot auf 10 Uhr+++) ein, ernannte Bordbuchführer ( Lisa, ich), Ableger (Arne), bestimmte, wer für welche Arbeiten am Segel gut war. Jeder hatte seine Aufgabe. Der Wind hatte Mitleid und wehte nur mit Windstärke 3, die Ostsee leider auch, kaum Wellen, und so schob uns der Wind gemächlich in die „Strander Bucht“. Nach Einlauf im Zielhafen ließ man in gemeinsamer Runde den Tag Revue passieren. Was hat man erwartet? Welche neuen Erfahrungen hat man gemacht? War man unter- oder überfordert? Nein, war keiner. Ein schöner Tag zum Eintauchen in die Seglerwelt! Die Koch-Crew hatte ganze Arbeit geleistet und uns ein vegetarisches Nudelgericht (Spinatsahne), samt Salat und Nachtisch gezaubert. Nur Arne und ich fühlten uns ein wenig gestrandet in Strande. Kleine Hafenkneipe, die um 21 dicht machte. Kein Bier für die nötige Bettschwere. Auch gut! Nein, Judith, heute schnarche ich nicht!
Tag 2 oder die Entdeckung der Schnelligkeit!
Und Judith behauptete weiter, ich schnarche! Da unser „Schlafzimmer“ ja auch der Frühstücksraum war, waren wir natürlich auch die ersten, die um 7 aufstanden, Brötchen besorgten, Kaffee kochten etc. Dafür spülten dann andere. Nach dem mittlerweile obligatorischen Gebet ging’s dann, diesmal in Regenzeug, an Deck. Ein kräftiger Wind, dunkle Wolken und Nieselregen begleiteten das Segelhissen.
Auf die Frage, wo es denn heute hinginge, gab der Skipper gewöhnlich keine Auskunft. Gott bestimmt das Wetter, und das Wetter unseren Zielhafen. Na gut, lassen wir uns also überraschen. Windstärke 6, in Böen 7, und ein schöner Wellengang versprachen einen spannenden Segeltag. Sonne, Wolken und Regen wechselten sich ab. Wir mussten wirklich mit dem Wind kämpfen, mit 12 Knoten wehte er uns Richtung Norden, ein wenig furchtsam verharrten die einen auf der sicheren Steuerbordseite, man musste nicht nur sich selbst sichern, sondern alle beweglichen Teile, Gepäck, Küchenutensilien, Verpflegung mittels Seilen festzurren. Gut, dass wir auf die Projektleitung gehört hatten und unsere Kleidung in jeder Hinsicht wetterfest war.
Irgendwann „bogen“ wir dann „links ab“ in die Schlei, einem Brackwasserarm der Ostsee, holten die Segel ein und tuckerten die Reststrecke mit dem Motor nach „Kappeln“, einem idyllischen Kleinstädtchen, so einem, wo man gerne Fernsehserien mit Ärzten dreht. Und wo noch die Brücken für die Schiffe hochgeklappt werden müssen. Gut, dass Lisa an die 1000 Fotos mit ihrer Digitalkamera machte.
Nach dem gemeinsamen Hearing & Clearing zauberten diesmal Arne und Lisa ein fantastisches Abendmahl. Punks können wohl doch mehr als nur Biertrinken. Und zum Tagesabschluss spielten alle noch eine zünftige Partie „Arschloch“, einem Kartenspiel, das fast alle begriffen. Judith, heute gebe ich mir wirklich Mühe!
Tag 3 oder die Entdeckung der Gemeinsamkeit!
Ich glaub, so langsam gewöhnt sich Judith an mich! Wahrscheinlich träumt sie nicht mehr so schlecht. Gemeinsam gefrühstückt, gemeinsam gebetet, gemeinsam die Segel gehisst, so langsam wurden wir ein Team. Die Aufgaben gingen leichter von der Hand. Jeder erkannte fast von selbst, wann er wo gebraucht wurde, welche Handgriffe nötig waren. Und dass Segeln wirklich Arbeit und den Einsatz von Körperkraft bedeutet, hatte man auch erkannt. Wind und Wetter waren günstig für die Rückfahrt nach Eckernförde. Und auch mich überkam ein wenig Wehmut, als ich im Hafen von Eckernförde ein letztes Mal ohne Sicherungsleine in das Bugnetz stieg, um mit Arne das Klüversegel zu verpacken. Und in unserer letzten Hearing und Clearing Runde hatten wir uns dann auch alle lieb, und noch lieber hatten wir Skipper Ewald und Bootsfrau Ellen, denen wir versicherten, bestimmt wiederzukommen. Und wenn man anfangs noch dachte, die beiden seien von missionarischem Übereifer beseelt, musste man nun auch als Atheist konstatieren, dass vielleicht Gebet und Händereichen dazu beigetragen haben, den Gemeinsinn zu wecken, den anderen trotz und mit seinen Schwächen zu akzeptieren und einzubinden, ihn eben dadurch zu stärken und letztendlich so zu einem Team zusammen zu wachsen.
Herzlichen Dank und Petri Heil!“
immer wieder Norbert
|